Westerngitarre – Nicht der Bruder von Luigi

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Gefunden bei: shortcut-to-wonderland

Ich spiele kein Musikinstrument. Ich habe noch nicht einmal den leisesten Hauch einer Ahnung von Musikinstrumenten. Am aller wenigsten von Gitarren. Außerdem bin ich kein Gesamtschüler und mein Bruder heißt auch nicht Luigi. Warum ich das erzähle? Weil ich vor ein paar Tagen in „Ulis Musik“ –Laden stand und eine Westerngitarre kaufen wollte. Das war mir so passiert, wie einem Dinge im Leben passieren. Ziemlich unverhofft. Nun stand ich also dort und wollte eine Sigma DMST Westerngitarre kaufen. Man muss hinzufügen „Ulis Musik“ ist D E R Gitarrenladen in Köln.

Schon ein paar Tage zuvor hatte ich mit dem Bruder, nicht Luigi, telefoniert und gefragt, was ich beachten muss, wenn ich eine Westerngitarre kaufen möchte. „Du musst sie anspielen wegen der Saitenlage“. „Yeah! Gitarre anspielen!“, dachte ich. Hat dann aber der Bruder gemacht – nützt ja sonst nix – und gesagt, dass die Sigma DMST eine Knallergitarre sei. Nun gut. Von der Eingangstür eine kleine Treppe hoch stand ich also jetzt in dem gitarrigsten Gitarrenladen unter den gitarrigen Gitarrenläden dieser Erde. In dem leicht schummrigen, grünlichen Licht standen und hingen überall Gitarren: große Gitarren, kleine Gitarren, mittelgroße Gitarren, elektrische Gitarren, akustische Gitarren, Westerngitarren, klassische Gitarren, rote Gitarren, schwarze Gitarren und gelbe Gitarren an den Wänden, unter der Decke und auf dem Boden. Zwischendrin in den schmalen Gängen hockten ein paar Gestalten, den Kopf leicht im Takt wippend, tief über das Instrument gebeugt, und spielten sich einen Blues. Alles sah aus wie die vollgestopfte Höhle einer freundlichen Kräuterhexe, nur halt mit Gitarren.

Um die Sache nun abzukürzen: Nachdem ich mein Anliegen vorgetragen hatte, ging ein Verkäufer-Gitarrist mit mir durch die labyrinthischen Gitarrengänge zu einer der Gitarrenwände und zog zielsicher die Sigma DMST Westerngitarre aus den dichtgedrängten Gitarrenhaufen. Dann stockte er aber mitten in der Bewegung, als es aus der halb hinter Verstärkertürmer verdeckten Kaffeeküche brüllte: „SIEHT DER AUCH AUS WIE EIN GESAMTSCHÜLER?“

Der Verkäufer-Gitarrist und ein direkt neben uns klampfender Gitarrist-Gitarrist ignorierten das Geschrei bemüht. Zuckten dann aber zusammen, als ein kleiner Mann, Typ Gragenpunk-Band-Gitarrist, mit Lederweste, Lederschirmmütze, schwarzem T-Shirt, tätowiert und an jedem Finger einen Totenkopfring aus der Kaffeeküche kam und erneut lauthals krakelte: „SIEHT DER AUCH AUS WIE EIN GESAMTSCHÜLER?“ Dabei sah er mich an und brüllte weiter: „DU SIEHST JA GAR NICHT AUS WIE EIN GESAMTSCHÜLER!“. „Äh, warum?“, ich war, ehrlich gesagt, verdattert, wusste auch nicht recht, wie denn jetzt ein Gesamtschüler aussieht. Der Garagenpunk-Band-Gitarrist schien vom lauten Garagenpunk-Band-Gitarrespielen ein wenig taub geworden zu sein, denn er brüllte mich unverdrossen weiter freundlich an. „BIST DU NICHT DER BRUDER VON LUIGI?“ „Sehe ich aus wie der Bruder von Luigi?“ „NÖ. GEIL! VERKAUFEN WIR DIE GITARRE NICHT AN DEN BRUDER VON LUIGI, WEIL DER ZU LAHMARSCHIG WAR. FINDE ICH GEIL. ECHT GEIL“. Damit ging der Garagenpunk-Band-Gitarrist ab, nicht ohne noch einmal über die Schulter zu brüllen: „WILLSTE ‘N ESPRESSO?“. Ich verneinte dankend. Ich mag keinen Espresso.

Ohne weiter darauf einzugehen, reicht der Verkäufer-Gitarrist die Sigma DMST Westerngitarre an den neben uns sitzenden Gitarrist-Gitarristen weiter. „Der Jens spielt die mal eben an, das klingt besser, als wenn ich das mache“. Jens, Typ schlaksiger Jazz-Gitarrist, blonde, halblang mittelgescheitelte Haare – gut geföhnt – schwarze Karottenjeans, blauer, etwas ausgeleierter Sweater, rotes Sakko legte auch gleich los. *pring* *pring* *pring* *schraddel* *dibidibidiuaaa* *schraddel* *schraddel* *pring* *pring* *pring* *pring* *badeng* badeng* *badeng* Jens spielte sich zunehmend in einen Rausch. Nach gefühlten zehn Minuten sah er mich mit verklärten Kuhaugen an. „Und, klingt geil, oder? Geile Gitarre!“ In Ermangelung von Fachkenntnissen brachte ich nur, „klingt wie eine Gitarre hervor“, aber das schien Jens, immer noch beseelt von seinem Solo, nicht weiter zu stören. „Richtig geile Gitarre. Vor allem für den Preis“.

Neben der echt geilen Sigma DMST Westerngitarre kaufte ich dann noch bei dem Verkäufer-Gitarristen eine Gitarrenhülle und machte mich auf den Weg, fest entschlossen demnächst häufiger mal eine Gitarre zu kaufen, wenn mir der Stoff für Geschichten ausgeht.

 

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