Archiv der Kategorie: Familienbande

Onkel Heinz und die Perspektiven

Onkel Heinz saß auf der Dachrinne und machte „Tschilp“. Das war nur logisch. Onkel Heinz hielt sich gerade für einen Vogel. Dabei ging es ihm noch nicht einmal um das Vogelsein. Auch wenn er sein altes Vogelkostüm übergezogen hatte. Es ging ihm um die Vogelperspektive. Sein ganzes Leben hatte er damit zugebracht, nach Perspektiven zu suchen. Das schwarze Vogelkostüm mit rotem Kamm und Schnabel saß mittlerweile ein wenig spack. Das hing mit seiner letzten Perspektive zusammen. Zuletzt hatte er die Welt als Tropfen betrachtet. Onkel Heinz und die Perspektiven weiterlesen

Oma und Hans Albers

Hans Albers, das war der Goerge Clooney von meiner Oma. Wenn der blonde Hans sang, dann seufzte sie sogar noch auf ihre alten Tagen: „Hach, der Hans mit seinen blauen Augen“. Und wenn er dann noch bei Hans-Joachim Kuhlenkampf in der Sendung auftrat, dann war alles zu spät. Ihre beiden Idole auf einmal, da zerfloss die alte Dame butterweich in die Ritzen ihres Ohrensessels…..

Onkel Kurt – Die große Tragik des Brummtadara

Onkel Kurt steht immer sehr früh auf. Um 5.30 Uhr geht der Wecker, da gibt es keine Ausnahmen. Nie. Ohne zu Zögern springt er dann aus dem Bett und marschiert in Filzpantoffeln gemessenen Schrittes ins Bad. Waschen mit kaltem Wasser. Danach kämmte er sich die Gedanken und bindet ihnen fein säuberlich eine Krawatte um. Damit sie nicht spazieren gehen.  Wenn Gedanken spazieren gehen, finden sie Wege, die er nicht kennt und stoßen wohlmöglich auf Lösungen, die er nicht mag. Deshalb, so findet er, brauchen Gedanken eine Krawatte und müssen ordentlich gekämmt sein. Sonst kann man sie nicht in die Weltgeschichte lassen. Onkel Kurt wählt CDU, selbstredend, und ist im Männergesangsverein, selbstsingend.

Er mag seinen Vorgarten. Sein Vorgarten ist wie seine Gedanken. Immer ordentlich gekämmt mit akkuratem Scheitel – die Seiten kurz. In seinem Vorgarten fühlt er sich wohl. „Da wo es ordentlich ist, kann nichts Unvorhergesehenes passieren und schon mal gar keine Frau“, sagt er immer. Frauen mag Kurt nicht. Das war früher anders. Onkel Kurt – Die große Tragik des Brummtadara weiterlesen

Tante Trudis Damenbart

via http://suicideblonde.tumblr.com/post/11524209508Tante Trudi hatte einen Damenbart. Ich meine, einen richtigen Damenbart, nicht diesen weichen Flaum, der im seitlichen Gegenlicht ein wenig kokett leuchtet. Nein, nein, sie hatte einen  Damenbart, der diese Bezeichnung auch wirklich verdiente. Einmal wohnten sogar drei obdachlose Chinesen in ihrem Damenbart. Abends kamen sie heraus und spielten auf einem Kontrabass die Capri Fischer und Tante Trudi sang dazu. Sie mochte dieses Lied. Tante Trudi ging gerne Fischen. Wir flochten ihr dazu Köder in die weichen vorderen Barthaare. Mein Bruder ist dabei einmal fast verloren gegangen. Er war auf einem Barthaar zu weit hinaus gelaufen und hatte den Rückweg nicht mehr gefunden. Glücklicherweise fanden wir ihn abends vor Einbruch der Dunkelheit. Wer weiß, was sonst noch passiert wäre. In der Nacht traute sich niemand in Tante Trudis Damenbart. Selbst Onkel Egon nicht, der stark war wie ein Ochse und die Traktoren immer aus dem Acker ziehen musste, wenn sie sich mal wieder festgefahren hatten. Selbst der traute sich dann nicht in den Bart, denn in der Nacht drangen seltsame Stimmen aus dem Damenbart. Tante Trudis Damenbart weiterlesen

Tante Lieschens Schwermut

Tante Lieschen war eine kleine, zierliche Person mit einem großen, massigen Schwermut. Hatte der einmal von ihr Besitz ergriffen, konnte sie mit ihrem Gemüt eine  russische Hochzeitgesellschaft unter den Tisch trinken. Meist mündete ihr Schwermut in einem Seufzer, groß genug, um die Einsamkeit der Taiga zu füllen. Danach briet sie wie jeden Tag wieder Schnitzel für ihre sechs Kinder….

Foto via „Does this look infected?“