Archiv der Kategorie: Familienbande

Kurt, der Kommunismus und die Konservendosen

Amaot-Schon in jungen Jahren erbte mein Großonkel Kurt den Betrieb von meinem UrUrgroßvater. Der starb schon früh an einer Bleivergiftung. Meinem UrUrgroßvater wurde seine Liebe zu Konservendosen zum Verhängnis. Er liebte Konservendosen so sehr, dass er sogar sein frisch geerntetes Gemüse in die Fabrik brachte und gegen Konserven eintauschte. „Konserven sind die Zukunft“, sagte er immer, wenn er abends auf der Bank vor seinem kleinen Betrieb saß und seine Feierabendpfeife stopfte. Da gab es auch keine Widerrede. Bei meinem UrUrgroßvater gab es nie eine Widerrede. Wenn er sagte die Wand ist schwarz, dann war die Wand schwarz. Da konnte sie noch so sehr in einem frischen Weiß erstrahlen.

Er war Kommunist aus Überzeugung. Und in seiner Überzeugung als Kommunist waren Konservendosen der Schlüssel zur Diktatur des Proletariates. Kurt, der Kommunismus und die Konservendosen weiterlesen

Onkel Amsel – Eine Liebesgeschichte

Amaot-02Ein Freund von mir sagte mal auf einer Party, dass man Menschen äußerlich grundsätzlich in drei verschiedene Typen einteilen kann: Pferde-Menschen, Vogel-Menschen und Brötchen-Menschen – wobei Mischtypen durchaus möglich sind. Onkel Herbert war eindeutig ein Vogel-Mensch. Er sah nicht nur aus wie ein Vogel, er verhielt sich auch so. Wie viele vogelartige Menschen hatte er den charakteristischen nach hinten fliehenden Kopf, aus dem vorne eine übergroße, spitze Nase herausragte. Zudem schwang sich sein langer dünner Hals, so wie man es von Reihern oder Störchen kennt, mit einer leichten Wölbung nach vorne aus dem Rumpf heraus. Kurzum, bei seiner Größe von rund 1,95 Metern konnte man nicht anders, als schon beim ersten Anblick an einen merkwürdigen, dürren Vogel zu denken.

Ganz abgesehen davon hatte Onkel Herbert auch das schreckhafte, nervöse Wesen, das Vögeln zu eigen ist. Mit ängstlich flackerndem Blick zuckte sein Kopf unaufhörlich von links nach rechts, immer auf der Hut, ob nicht aus irgendeiner Richtung Gefahr drohte. Wir Kinder haben ihm auf Familienfesten oft übel mitgespielt. Sobald wir einer Papiertüte oder eines Luftballons habhaft werden konnten, schlichen wir uns von hinten an und ließen die aufgeblasene Tüte mit lautem Knall in seinem Rücken platzen. Dann rannte Onkel Herbert mit kleinen Trippelschritten geduckt wie eine fußläufige Amsel hinter den nächsten Vorhang, wobei er unaufhörlich mit feiner Onkel Amsel – Eine Liebesgeschichte weiterlesen

1000 Tode schreiben: #233

Please ask, if you want to use the photo in your blog amaot.wurst@gmail.comFür einen Moment hört sie auf, Tomaten zu filetieren und blickt herüber zum Schreibtisch, an dem er umständlich mit einem Scanner hantiert. „Wie lebendig sie so groß wirken, ganz anders als auf den kleinen schwarz-weißen Fotos“. „Die Fotos sind eben nur sieben mal zehn Zentimeter, da lässt sich halt kaum etwas erkennen“, brummt er, während er erneut hinter der Abdeckung des Scanners verschwindet. Auf dem Monitor materialisiert sich ein weiteres Foto in 24 Zoll.

Eine Szene an einem Strand oder in einem Freibad. Vier junge Mädchen haben eine Freundin bis auf den Kopf im Sand eingegraben. 1000 Tode schreiben: #233 weiterlesen

Urgroßvater Otto – Der Sprung von der Brücke

Müngstener Brüücke

Es war der 22. März 1897 als mein Urgroßvater Otto die offizielle Mitteilung erhielt:

Sehr geehrter Herr Otto W.

Kraft meines Amtes erkläre ich Sie hiermit für unregierbar.

Gezeichnet

Wilhelm I., Kaiser

Stand auf dem gelben Pergament in lapidaren Worten geschrieben. Darunter das herrschaftliche Siegel.

Schon ein paar Tage zuvor hatte das Auswärtige Amt in Berlin eine Reisewarnung ausgegeben und ihn etwas später sogar zur Gefahrenzone erklärt. Urgroßvater Otto war verzweifelt. Selbst an der Börse wurde er nicht mehr gehandelt. Bei einem langen Spaziergang entlang der Wupper fasste er einen Entschluss: Er würde springen. Urgroßvater Otto – Der Sprung von der Brücke weiterlesen

Meine wahnwitzigen Abenteuer als Sturmpirat

BGRrz3dCIAEMIyR.jpg large
Bild by @Kpt_Ahab

Bevor ich beschloss, mich mit einem Schaukelstuhl auf die Terrasse zu setzen und langsam vor- und zurückzuschaukeln, zog es mich hinaus in die Welt. Ich wurde das Gefühl nicht los, in meiner Heimatstadt Solingen alles gesehen zu haben und war begierig darauf, Abenteuer zu erleben. So gelangte ich über viele Umwege nach Marseille, der bis in die Haarspitzen verruchten Urmutter aller dreckigen Hafenstädte. Doch schon am Ende des zweiten Tages wurde ich aufgrund unglücklicher Umständen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, Mitglied der gefürchteten Sturmpiraten.

In den nächsten zwei Jahren segelte ich mit dem Smauvogel, einem stolzen Dreimaster, und den Sturmpiraten entlang der Schönwetterfront. Wir enterten träge dahindümpelnde Sonnensegler und raubten ihre gelben Mützchen. Die Sonnensegler waren leichte Beute für den schnellen Smauvogel, der durch die Wellen schnitt wie ein Solinger Messer durch einen Kanten Brot. Der Rest war Formsache. Die Sonnensegler fürchten zwar weder Tod noch Teufel, dafür aber den Orgelhannes unseren Anführer. Meine wahnwitzigen Abenteuer als Sturmpirat weiterlesen