Archiv der Kategorie: Alltägliche Ansichtskarten

Die kleine Dampflok

Ich nenne ihn die kleine Dampflok. Eine Zeitlang kam er jeden Morgen an unserem Küchenfenster vorbei, wenn er seine Kinder, drei, in die Kita brachte. Immer eine Zigarette im Mund. Immer den Rauch mit vorgeschürzter Unterlippe nach oben in den Morgenhimmel pustend. Eben so, wie eine kleine Dampflok ihre Rauchwolken aus dem Schornstein nach oben pustet. Dabei kreisten seine kurzen, dicken Beine wie die Räder einer Dampflok stapfend über den Bürgersteig. Unwillkürlich musste ich jedes Mal an das schneller werdende, stampfende Geräusch einer anfahrenden Dampflokomotive denken: Tsch……..Tsch…….Tsch…..Tsch….Tsch….Tsch..Tsch..Tsch..Tsch.TschTschTsch. Seine Kinder zog er dabei nach Größe geordnet wie kleine bunte Wagons hinter sich her. Jeden Morgen Punkt 7.15 Uhr war Abfahrt.

Bis jetzt. Jetzt ist eine seiner Töchter mit unserer Tochter in eine Klasse gekommen. Gestern beim Elternabend hörte ich die kleine Dampflok dann das erste Mal reden. Nachdem sich die ersten Eltern in der offiziellen Runde vorgestellt hatten, sagte die kleine Dampflok voller Inbrunst und mit fester Stimme: „Und ich bin die Tochter von Nadja“.

Wiesenfreuden

00001Wolkenfrauen in aufgeplusterten weißen Daunenmänteln ziehen dickbäuchig rückenschwimmend über den blauen Himmel gegen Osten. Unten recken Gräser ihre langen Hälse im Spalier nach oben. Wiegen missbilligend ihre Köpfe hin und her. Sind da mit dem Wind ganz einer Meinung. Ein Bach murmelt sich durch ihr Gedränge. Er hat’s eilig und will schnell zum Meer. Ist dort mit ein paar Sonnenstrahlen verabredet, die ihm den Rücken kitzeln wollen, wenn er mit den anderen Wassern auf und ab wogt.

Honduras, Gardel, die Frauen und ich

amapala-1918
Amapala, Honduras, 1918

Die Geschichte ist schon lange her, und hat bis auf eine gewisse Skurrilität nicht viel zu bieten. Aber was soll´s, ich erzähle sie trotzdem. Einfach so wie ich sie abends bei Tisch erzählen würde, wenn die Familie sich nach dem Abendbrot über die Reste der Mahlzeit hinweg die Geschichten vom Tag erzählt:

Also: Einmal saß ich in einem alten Ballsaal in Amapala und sollte geheiratet werden. Amapala ist eine Insel, die wie ein achtlos ins Meer geworfener Korken in der Bucht zwischen El Salavador, Nicaragua und Honduras schwimmt. Die Insel hatte schon bessere Tage gesehen. Damals, als sie noch der einzige Seehafen an der Pazifikküste Honduras war, stieg sie sogar mal zur Hauptstadt auf. Doch als ich dort im Hafen ankam, waren die großen Zeiten lange vorbei. An den Fassaden der kolonialen Holzbauten wehten die bunten Farbreste besserer Zeiten nur noch wie die Fetzen eines einst prächtigen Ballkleides im Wind. Menschen waren nicht zu sehen. Nur in einer Ecke saßen ein paar Fischer auf einer morschen Veranda, tranken Rum und spielten Karten. Honduras, Gardel, die Frauen und ich weiterlesen

Gedanken in der Teetasse

Morgens balanciere ich ab und an waghalsig auf dem Rand der Teetasse. Manchmal falle ich dabei hinein und komme den Tag über nicht hinaus. Wenn Frau Amaot es bemerkt, zieht sie mich aus der Tasse, trocknet mich ab und gibt mir einen Kuss auf die Nase. Dann sagt sie: „Mit Gedanken ist es wie mit dem Tee: Wenn sie zu lange ziehen, werden sie bitter“. Ein kluge Frau die Frau.