Alpenwaldklinik – Ein Arzt-Heimat-Doktor-Krimi-Roman

 

In der Ferne zerteilte ein Motorboot röhrend die glatte Oberfläche des Sees. Christian nahm ihren Kopf zärtlich in seine Hände. „Oh Christian, wirst Du mich immer lieben?“, haucht Schwester Annegret durch die leicht geöffneten Lippen. Als er sie dann küsste, lag der See wieder ruhig da und die Alpenwald-Klinik glühte still im Rot der aufgehenden Sonne… 

Brunner, der Professor, sitzt schwer schreibend auf der Alm. Luzilla Walowstikaya  schnickselt in Stöckelschuhen und Schwesterntracht über die unebene Wiese heran. „Professor, Professor die Polizei fragt nach ihnen“. Ihre Stimme, rauchig wie ihr russischer Akzent, taucht das Alpenpanorama in ein weiches Licht. Brunner steht aus dem Liegestuhl auf, wirft noch einen bedauernden Blick auf den See und macht ein erwartungsvolles Treckergesicht. „Mord, draußen in Strunzingen. Ein Toter hängt über dem Zaun“, haucht die Walowstikaya . „Das möchte man ja auch nicht“, lacht Brunner staccato. Später auf dem Motorrad, Luzilla Walowstikaya im Beiwagen. Brunner schreit gegen den Fahrtwind. „Warum ich? Hört sich nach einem Standardfall an. Wahrscheinlich die Ehefrau. Nach dem Mord hat sie ihn zum Trocknen rausgehängt“. Luzilla formt ihre Hände zu einem Trichter, „Keine Ehefrau. Nur ein Eichhörnchen“. Brunner nickt und gibt sich wieder den Gedanken an seinen Roman hin.

„Schwester Tupfer“, die energische Stimme von Oberarzt Meierstein klang schon leicht gereizt. Annegret fiel es schwer, sich auf die Operation zu konzentrieren. Gemeinsam mit Christian assistierte sie dem Oberarzt bei einer komplizierten Nierentransplantation. Aber immer wieder schweifte ihr Blick von dem geöffneten Körper auf dem OP-Tisch zu Christian. Seine feingliedrigen Hände, die sanfte Linie seines Nackens unter dem lockigen Haar und das umwerfende jungenhafte Lächeln, das ihn zum Liebling des Schwestern Corps gemacht hatte, ließen sie immer wieder alles um sich herum vergessen. Verträumt dachte sie an den gestrigen Tag und die letzte Nacht. Unter einem Vorwand hatte Christian sie zum See gelockt und dort mit verbundenen Augen zu einer verborgenen Lichtung am Ufer geführt. Wie sicher hatte sie sich gefühlt, als Christian sie mit sanfter Hand behutsam über den Waldweg führte. Gab es ein besseres Zeichen dafür, dass er ihre einzig wahre Liebe war, wenn sie ihm sogar blind vertraute? Und dann, als sich ihre Augen blinzelnd wieder an das Licht gewöhnt hatten, diese Überraschung. Auf der Lichtung hatte Christian das perfekte Picknick für Zwei vorbereitet. Auf einer blütenweißen Decke fanden sich kleine Törtchen, Weintrauben, Käse, Sekt mit Erdbeeren und alles, was ihr Herz begehrte. Den ganzen Nachmittag hatten sie in der warmen Frühlingsonne gelegen und miteinander gelacht, geflüstert, sich geküsst und gestreichelt. Schließlich waren sie noch in der Abendsonne auf den See hinausgerudert und hatten sich engumschlungen eine gemeinsame Zukunft ausgemalt. Ein sonnendurchfluteter, gold-gelber Traum in einer Landpraxis weit draußen im Grünen mit mindestens drei Kindern und zwei Hunden. Als dann die Dunkelheit hereinbrach konnte sie nicht anders, sie rief ihren Vater an und log ihm vor, dass sie bei ihrer besten Freundin Nancy übernachten würde….

Brunner tanzt Limbo. „Verdammt wieder berührt. Noch mal!“ Luzilla Walowstikaya verdreht rauchend die Augen und hebt das Flatterband an, „Professor können sie nicht einmal einen Tatort betreten wie jeder andere auch?“ Zum Glück taucht Kommissar Hackländer samt Schnauzbart auf. Der Schnauzbart zerrt ungeduldig an der Leine. „Da sind sie ja endlich Brunner. Kommen Sie die Leiche hängt dort hinten“. Auf dem Weg durch den parkähnlichen Garten plustert Hackländer Brunner den Tathergang vor. „Erst sah alles nach einer Beziehungstat aus. Das Eichhörnchen und er hatten gestritten. Und dann die Nuss….es wusste von seiner Nussallergie. Aber das Eichhörnchen hat ein Alibi.“ „Was wissen wir von dem Opfer?“, Brunner fällt dem Schnauzbart ins Wort, rappelt sich aber wieder hoch. „Graf Mirko von Hülsing“. Der Professor pfeift erstaunt durch die Zähne. „Von Hülsing? Der von Hülsing? In einschlägigen Kreisen auch der Graf genannt?“ Kommissar Hackländer macht ein bekümmertes Gesicht. Lieber würde er weiter an seinem ruhigen Schreibtisch hinter dem Schutzwall aus alten, nicht erledigten Akten sitzen und Solitair an seinem Dienstcomputer spielen. „Eben jener. Das macht den Fall ja so brisant“, fällt es aus Hackländer mit einem Seufzer groß wie ein Weinfass heraus.

Annegret stand gedankenverloren am Fenster und schaute hinaus auf den Park. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Würde sie jemals so glücklich mit Christian Hand in Hand durch diesen Park schlendern können, wie dieses Pärchen dort? In ihrem Rücken spürte sie den warmen Blick ihrer Freundin Nancy. Seufzend drehte sie sich um. „Annegret, warum bist du so unglücklich?“, Nancy blickte sie über die beiden dampfenden Kaffeetassen an, die sie gerade in den Raum trug, „Ich meine, du hast alles, was du dir wünschen kannst. Du bist schön, du bist reich und dein Freund ist der begehrteste Junggeselle im ganzen Ort“.  „Aber das ist es ja“, eine einsame Träne rollt über Annegrets Wange, „Seit ich mit Christian zusammen bin, muss ich meine Liebe zu ihm verstecken. Mein Vater würde die  Beziehung niemals gutheißen. Er will, dass ich unbedingt standesgemäß heirate. Erst gestern hat er wieder unter einem Vorwand den Sohn des Konsuls Kurtner zum Essen eingeladen. Es war klar, dass es dabei nur um mich ging. Der Sohn des Konsuls ist widerwärtig. Auf den ersten Blick ganz ansehnlich, aber wenn er spricht, bilden sich immer kleine Speichelbläschen in seinen Mundwinkeln und sein Schweißgeruch ist unerträglich. Ich konnte mich nur mit Mühe seiner Avancen erwehren, als mein Vater uns, wie zufällig, alleine gelassen hat“. Annegret schauderte noch immer bei dem Gedanken an die feuchten Hände des Konsul-Sohnes. „Nancy, ich halte das nicht mehr aus. Irgendetwas muss passieren“. Tröstend nahm Nancy ihre Freundin in den Arm und streichelte ihr sanft übers Haar. „Schhhh, meine Liebe, das wird schon wieder. Trink erst einmal deinen Kaffee, dann denken wir über eine Lösung nach“…..

Dunkel. Licht. Staub. Husten. Brunner tief in seine Erinnerungen heruntergestiegen, wühlt in alten Notizzetteln, die überall auf dem Boden liegen, schiebt einen Folianten vom Tisch und findet darunter das Moleskin, das er gesucht hat. „Grüne Welle im Rotlichtmilieu – Recherchen“. Darin eine kurze Aufzeichnung:

„Der Graf:

Monokelloser Adeliger, Typ staubiger Leguan mit Topf-Kopf. Lässt sein Geld in tiefen, dunklen Bergwerken für sich arbeiten. Tagsüber: städtischer Gönner und Wohltäter, Wittwer, liebender Vater einer Tochter. Nachts: Schwerenöter und Lustmolch, Spitzname Graf Koks. Undurchsichtige (Geschäfts?)Verbindung zum Paten von Strunzingen Luigino Lazzora. Häufiger Gast in dessen Bordell  „Rosis Sündenpfuhl“. Flirtet ständig mit dem Bareichhörnchen – Da läuft doch was – was?“

An der Leiche angelangt taucht Brunner wieder aus seinen Erinnerungen auf und schnappt nach Luft. Ganz schön staubig da unten, sollte mal wieder sauber machen. „Iiihieeeee!“, schalmeit die Walowstikaya . Vor ihnen hängt der Graf tot über dem Zaun. Die Hose auf den Knien, trompetet der Hintern weiß wie der Mond von Wanne-Eickel in die Höhe. Im Anus prangt halb verborgen eine gewaltige Walnuss. „Eindeutig Nussallergie“, resümiert der Professor verwegen und zückt seine Brille, um sich die Sache aus der Nähe anzusehen. „Was ist das?“ „Waaaas?“, retournieren der Kommissar, der Schnauzbart und die Walowstikaya  im Souffleusenchor. „Die Nummer auf der Nuss?“  „Eine Nussnummer?“, wieder dreistimmig. Brunner zieht aus dem Moleskin eine Visitenkarte hervor. Luigino Lazzora die Handy-Nummer des Paten steht auf der Nuss. „Die Nuss des Paten“, notiert sich Bellorani – toller Titel für mein nächstes Buch.

Verzweifelt warf sich Schwester Annegret aufs Bett. Ihr schlanker Körper bebte und dicke Tränen durchweichten das Kopfkissen, in das sie ihr Gesicht vergraben hatte. „Annegret, ich habe es doch für uns getan“, unsicher setzte sich Christian zu ihr und strich ihr über das lange blonde Haar. Ihr Herz krampfte sich zusammen. „Für uns? Für uns?“, ihre Stimme klang erstickt und passte so gar nicht zu dem warmen Sonnenstrahl, der das Zimmer in ein buntes Frühlingslicht tauchte, „Hast du auch einmal an mich gedacht?“ In Christians Stimme schwang leichter Ärger mit „Aber Annegret, ich dachte, gerade du könntest mich verstehen. Dein Vater hätte einer Hochzeit niemals zugestimmt. Ich bin doch nur ein einfacher Assistenzarzt in der Pathologie. Das ist meine einzige Chance. Außerdem dachte ich, dass du ein bisschen stolz auf mich sein würdest“. Jetzt hatte sie sich aufgerichtet und blitzte ihn mit bebender Unterlippe an. „Stolz auf dich? Stolz darauf , dass du mich hier zurücklässt und zum Militär gehst? Dich freiwillig zu Auslandseinsätzen gemeldet hast? Stolz darauf, dass ich Tag für Tag, Nacht für Nacht vor Sorge um dich umkommen werde. Da bin ich lieber alleine und weiß und höre nichts von dir. Hau ab!“ Die letzten Worte hatte sie in ihrer Verzweiflung mit einem solchem Zorn herausgeschrien, dass Christian sich wortlos herumdrehte und kreidebleich das Zimmer verließ.

Wieder dunkel, aber keine Erinnerung, zu kalt. Wo ist er? Seine Finger spargeln an etwas Weichem herum. Augenblick, das erinnert ihn an, das fühlt sich an wie… „Professor, lassen sie meinen Brüste los“, die Walowstikaya  schmeichelt eine Entrüstung in den Raum. Ihr heißer Atem barockt runde Nebelwolken in die kalte Luft. Brunner öffnet ein Auge. Weiße Schlachthausfliesen, ein halbes Schwein baumelt in sein begrenztes Sichtfeld. Ein Auge ist geschwollen. Er friert, aber nur ein bisschen. Pittoresk an die Walowstikaya  geschmiegt, mit ihrem verschleierten Blick als kleine Sonne, breitet sich innerlich eine kleine Karibik aus. „Walowstikaya  du…“ „Brunner du…“ Ihre Blicke verknoten sich, die wärmenden Augen erklären, die Worte brechen ab, die Tür öffnet sich.

Die zwei eintretenden Muskelberge unterscheiden sich nur durch die weißen Fleischerschürzen von den Schweinhälften. „Den Bock zum Gärtner gemacht. Das Schwein zum Metzger“, Brunners Gedanken arbeiten wieder normal. Gestützt auf einen Stock mit goldenem Adlerkopf zieht der Pate Luigino Lazzora sein lahmes Bein hinter seinen Leibwächtern in den Raum. „Brunner, habe ich dich nicht immer wie einen Freund behandelt? Warum randalierst du jetzt in meinem Etablissement? Schmeißt Tische und Stühle um, erschreckst meine Gäste und schreist, du wüsstest die Wahrheit, jetzt würde es eng für mich? Wäre nicht deine bezaubernde Assistentin, wäre jetzt nicht nur dein Auge geschwollen“, Lazzoras  Stimme lahmt wie sein Bein durch die Ansprache. Die beiden Fleischberge rücken bedrohlich auf Brunner zu. Brunner nimmt Anlauf – wenn schon tot, denn schon tot

„Lazzora, Sie haben den Graf getötet. Ihre Telefonnummer war auf der Nuss“. „Und warum hast du dann nicht angerufen?“, verdutzt Lazzora. „Dann hättest du dich gewarnt“, logigt Bunner scharf zurück. „Aber ich war es nicht!“, lullt Luigino rum, „Er war wie ein Bruder für mich. Wir haben schon als Kinder zusammen gespielt. Meine Mutter putzte im Schloss und nahm mich oft mit. Von Hülsing und ich wurden unzertrennliche Freunde. Außerdem lebte er mit meinem Bar-Eichhörnchen zusammen.“ Aha, schon wieder das Eichhörnchen, Brunner erkennt ein Muster, die Walowstikaya  schaut unbeteiligt. Lazzora reicht Brunner ein Kotelett fürs Auge. „Nimm das Schwein und finde das Schwein, das ihn getötet hat, bevor die Polizei ihn findet. Ich will Rache!“ „Da ist…“, Brunner setzt zum Gedankensprung an, aber die Walowstikaya  rollt genervt ihre Augen in den Raum. „Komm Brunner, weg hier. Bevor sie uns mit ihren dummen Witzen wieder in Schwierigkeiten bringen.“

Geschüttelt von Weinkrämpfen war Schwester Annegret auf den kalten Fliesen des Schwesternzimmers zusammengebrochen. In der Hand hielt sie immer noch den Brief von Christian. In einem unscheinbaren großen braunen Umschlag mit maschinengeschriebener Adresse war der Brief angekommen. Augenscheinlich hatte man einfach die Adresse von Christians Brief übernommen und ihn mit einem kurzen Beileidschreiben in den braunen Umschlag gesteckt. Die Ecken des Briefes waren angekohlt und braune Tropfen getrockneten Blutes verwischten an manchen Stellen die hektisch aufs Papier geworfene Schrift.

Liebste Annegret,

dies wird wohl der letzte Brief, den ich Dir schreibe. Wir sind in einen Hinterhalt geraten. Der Oberst und fünf meiner Kameraden sind schon tot. Wir anderen haben uns in eine Höhle zurückgezogen. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie diese auch eingenommen haben. Aber so dunkel diese Stunde auch sein mag, sie wird erleuchtet durch das Licht unserer Liebe. Annegret, Du bist der Anker, der verhindert, dass meine Gedanken im düsteren Strom der Ereignisse hinfort gerissen werden. Deine langen blonden Haare waren immer der Schirm, der mich hier im Einsatz beschützt hat. Tief in meinem Herzen ist ein Ort, den wir beide glücklich gemeinsam bewohnen. Dort ist der Tag am See und die unvergessliche Nacht. Dort ist unser Traum von der Landpraxis mit Kindern und Hunden. Dort sehe ich dein Lachen und deine wundervollen blauen Augen. Oh Annegret, nie hat ein Mann mehr geliebt als ich. Und nun soll das alles vorbei sein? Annegret sie kommen, sie kommen mich zu holen, ich kann sie  hören. Annegret ich lie…..“ An dieser Stelle endete der Brief abrupt in einem großen getrockneten Bluttropfen.

Auf der Strunzinger Alm. Brunner sitzt gedankenverloren auf einem Schemel mitten auf der Wiese, den Arm im Veterinärhandschuh bis zum Ellenbogen im Hinterteil einer Kuh vergraben. Die Kuh grast. Die Walowstikaya  kommt schnickselnd mit Hackländer und dem Schnauzbart über die Wiese. „Professor, was tun sie?“ „Ich suche meine Brille, ich muss klar sehen“, runzelt Brunner. Die Walowstikaya  fingert über ihrem prallen Busen in der Brusttasche ihrer Schwesternuniform. „Hier ist die Brille“, vorbeugend sattelt sie Brunner die Brille auf. Dieser sieht plötzlich klar und stibizelt ein blondes Haar von ihrem Kragen. „Wusste ich es doch, du Luder“, dunkelt er seine Stimme ab. Hackländer und der Schnauzbart glotzen textlos. „Ich habe gar keine Assistentin und du bist gar keine Russin, du bist blond.“

Der Walowstikaya schwant es, sie schüttelt ihr schwarzes Haar wie einen Rettungsring. „Aber Professorchen jetzt haben sie den Verstand verloren. Natürlich bin ich Russin. Babuschka hat immer gesagt, ich habe ein Herz groß wie die Taiga.“ „Und auch so leer“, nimmt der Professor den Faden auf und häkelt weiter, „ Du bist nicht die Walowstikaya , oder möchtest du jetzt lieber so heißen, Annegret? Du hast deinen Vater getötet.“ Die Walowstikaya  reißt sich die schwarze Perücke vom Kopf und enthemmt die Augen „Ja, ich bin Annegret, aber ich habe meinen Vater nicht getötet. Er war doch das Einzige was mir geblieben ist. Christian ist tot! Und ich bin jetzt mit dem Eichhörnchen ganz alleine auf der Welt“. Brunner brunnert „Papperlapapp, Du hattest ein Motiv und du hattest die Möglichkeit.  Im Anschluss an die Tat bist du dann in der Hoffnung, dass ich dich bei mir nicht finde, als Walowstikaya untergetaucht. Das Eichhörnchen hat mir alles erzählt. Als es am Abend das Anwesen verließ, warst du mit dem Grafen alleine im Haus, ihr habt gegessen. Und wie dem Graf die Hose rutscht, hast du den Salzstreuer auf den Boden fallen lassen. Kleine Salzkristalle am Boden, ich habe sie gesehen. Der Graf bückt sich und Peng hast du ihm vom anderen Ende des Tisches mit der Schleuder die Wallnuss…..“, Stille. Brunner schemelt immer noch mit dem Arm in der Kuh. Die Kuh grast.

Schwester Annegret nun tiefenblau in den Augen mit kleinen Tränenseen. „Brunner, schau mir in die Augen. Bedeutet dir unsere Nacht im Schlachthaus nichts. Du hast es doch auch gespürt, als wir uns wärmten. Dieses Gefühl war so tief, es vertrieb alle Kälte. Bei dir habe ich mich das erste Mal als Frau gefühlt. Dagegen war das mit Christian nicht mehr  als eine Jugendliebe, die verliebte Schwärmerei eines kleinen Mädchens. Bitte höre mich an und sage dann, ob ich lüge“.  Brunner schaut tief und Annegret mit abgeblendeter Stimme, „Das Eichhörnchen hat nicht gelogen. An dem Abend saß ich mit meinem Vater beim Essen. Als das Eichhörnchen gegangen war, brachte er die Sprache auf Oberarzt Meierstein. Er wäre doch ledig und eine gute Partie. Er habe ihn für das Wochenende zum Segeln auf dem See eingeladen. Mein Vater wollte, dass ich unbedingt dabei wäre. Es war gerade zwei Tage her, dass ich die Nachricht von Christians Tod erhalten hatte. Ich war verzweifelt und hatte kaum geschlafen. An dem Abend wollte ich nicht mit meinen Vater streiten. Eine Migräne vortäuschend habe ich das Gespräch beendet und bin auf mein Zimmer. Später am Abend bin ich dann noch einmal von lauten Stimmen wach geworden, habe mir dabei aber nichts gedacht. Mein Vater hatte öfter abends noch geschäftlichen Besuch. Manchmal wurde dabei auch gestritten – schließlich ging es immer um Politik und viel Geld.

Als ich am nächsten Morgen runter kam, lag mein Vater tot da. In meiner Verzweiflung wusste ich nicht, was ich tun sollte. Also rief ich Onkel Luigino an, der kennt sich ja mit so etwas aus. Onkel Luigino hat mir dann geholfen, die Leiche zum Trocknen über den Zaun zu hängen. Außerdem meinte er, die Polizei würde mich als erstes verdächtigen. Also stattet er mich mit einer neuen Identität aus und schicke mich mit dem Auftrag zu dir, dich auf den Fall anzusetzen. Er sagte, du seist der bester Privatdetektiv von Strunzingen.“ „Kunststück, bin ja auch der Einzige“, brummelt Brunner besänftigt und Annegret legt ihren Kopf weinend in seinen Schoß.

Brunner baut mit der freien Hand zärtlich kleine Nester in ihrem Haar. „Übrigens ist Christian nicht tot. Er hat seinen Tod nur vorgetäuscht“, Brunner spannt die Spannung wie einen Flitzbogen, „Er wird gleich…..“ – der Rest geht in einem tiefen Wummern unter. Ein Kampfhubschrauber im vollen Ornat schwebt über die Strunzinger Alm heran und landet. Christian springt waffenstrotzend heraus. Brunner, Hackländer, der Schnauzbart und Annegret blicken in eine Gewehrmündung. Groß genug, um…. „Ja, groß genug, um eine Wallnuss abzufeuern, ihr aufgeweichten Mettbrötchen“, Christian triumphiert, „und wenn es euch nicht genauso ergehen soll wie dem Grinse-Grafen, dann gebt ihr jetzt Annegret heraus.“ Christian wedelt mit kräftigem Arm wie ein Winkelavocado. „Komm her Liebes, wir fliegen nach Süden die Sonne putzen.“ Annegret macht einen unsicheren Schritt auf ihn zu, ihre Stimme raucht wie in russischen Tagen, „Du Monster, du hast meinen Vater getötet. Ich werde niemals mit dir kommen.“ „Jetzt komm schon her, schließlich habe ich alles für Dich getan“, Christians Augen flackern wie Zündkerzen im Sturm, und als sich Annegret nicht regt, „Wenn du jetzt nicht sofort kommst, schieße ich einem nach dem anderen hier eine Nuss vor die Nuss“. Mit flehentlichem Blick zurück auf Brunner stammelt Annegret einen Schritt vor, haucht, „Brunner, rette mich.“

Aber Brunner hockt auf dem Schemel und die Kuh grast. Annegret stammelt noch zwei Schritte vor. Die Kuh malmt friedlich, bei Brunner nix. Noch ein kleiner Schritt. Brunners Arm ruht still in der Kuh. Wieder ein Schritt und Christian griffelt gierig nach Annegret. Doch: Zwei Schüsse beißen durch die Luft, Christian hampelt an Schulter und Bein getroffen zu Boden. Annegret blickt auf Brunner. In dessen veterinärbehandschuhter  Hand raucht eine 45er Magnum. Die Kuh, zwei Schritte weiter, guckt verdutzt. Brunner pustet den Rauch vom Lauf. Annegret stürzt auf ihn zu und macht Bassaugen. „Mein Held!“ „Das lief ja alles nach Plan“, bachmurmelt Brunner zufrieden und drückt Annegret an sich. In der Zwischenzeit lässt Hackländer glücklich die Handschellen klicken und streicht zufrieden über den Schnauzbart.

Später dann, Brunner und Annegret auf dem Motorrad. Durch die Schluchten umher echot es jämmerlich, „Annegret, ich habe es doch nur für uns getan.“ Aber Annegrets Augen nur für Brunner fragen „Und jetzt?“ „Urlaub natürlich“, hupt Brunner glücklich, „In Memmingen soll es einen romantischen Nieselregen geben.“ Und Annegret hupt lachend zurück, „Oh ja, lass uns in Memmingen barfuß durch die Fußgängerzone tanzen. Ich kenn dort ein kleines verschwiegenes Bistro an der Hauptstraße, sie machen eine hinreißendes Toast Hawaii.“

Doch bevor es losgeht: In der Ferne zerteilt ein Motorboot röhrend die glatte Oberfläche des Sees. Brunner nimmt ihren Kopf zärtlich in seine Hände. „Oh Brunner, wirst Du mich immer lieben?“, haucht Schwester Annegret durch die leicht geöffneten Lippen. Als er sie dann küsst, liegt der See wieder ruhig da und die Alpenwald-Klinik glüht still im Rot der untergehenden Sonne…

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