1000 Tode schreiben: #233

Please ask, if you want to use the photo in your blog amaot.wurst@gmail.comFür einen Moment hört sie auf, Tomaten zu filetieren und blickt herüber zum Schreibtisch, an dem er umständlich mit einem Scanner hantiert. „Wie lebendig sie so groß wirken, ganz anders als auf den kleinen schwarz-weißen Fotos“. „Die Fotos sind eben nur sieben mal zehn Zentimeter, da lässt sich halt kaum etwas erkennen“, brummt er, während er erneut hinter der Abdeckung des Scanners verschwindet. Auf dem Monitor materialisiert sich ein weiteres Foto in 24 Zoll.

Eine Szene an einem Strand oder in einem Freibad. Vier junge Mädchen haben eine Freundin bis auf den Kopf im Sand eingegraben. Der Hügel über ihrem Körper ist wie ein Grab aufgeworfen. Ein paar Blumen und Äste sind fein säuberlich wie ein Totenbouquet darauf drapiert. Die Mädchen tragen die einteiligen Badeanzüge der ausgehenden 20er-Jahre – die Oberschenkel sind noch bedeckt, auch wenn der Saum schon deutlich höher gerutscht ist, als es zu Anfang des Jahrzehnts schick war. Links ein Mädchen mit einem Buch, eine Hand wie zur Segnung zum Himmel gehoben. An ihrer Seite trocknen sich zwei kniende Mädchen ihre imaginären Tränen mit einem Strandhandtuch ab. Rechts am Kopfende ein Mädchen mit spillrigen Beinen, Gummibadekappe und einer Schaufel wie ein Totengräber. Die Augen der Mädchen blitzen trotz gespielter Trauer angesichts des gelungenen Schabernacks fröhlich aus dem Foto heraus.

„Wer ist sie von denen?“ Sie hat das Messer weggelegt. Während sie um den Küchentresen herum zum Schreibtisch kommt, trocknet sie sich die Hände an der Schürze ab. „Das Mädchen mit der Schaufel. Was für ein Hühnchen, da ist ja nix dran.“ In gespielter Entrüstung stemmt sie ihre Arme in die Hüfte. „Da kann sie ja auch allerhöchstens erst fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein, wenn überhaupt, du Stoffel. Wann war das wohl?“ „Sie ist 1911 geboren. Dann muss das ungefähr 1926 oder 1927 gewesen sein. Es ist schon merkwürdig, sie so zu sehen. Für mich war sie immer meine Oma, eine liebe alte Frau. Eigentlich habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie sie als Kind, als Jugendliche oder als junge Frau so war. Da schau, hier.“ Er öffnet eine neue Datei auf dem Rechner. Das Mädchen mit der Schaufel ist jetzt ein oder zwei Jahre älter. Sie steckt in einem dunklen, knöchellangen Kleid mit Matrosenkragen und tanzt mit dem Mädchen, das den Pfarrer gemimt hat, auf einer Waldlichtung Walzer. Beide lachen auf dem Bild lauthals ihre Lebensfreude heraus.

Er vergrößert das Bild, bis der Kopf von dem Mädchen mit dem Matrosenkragen bildschirmfüllend zu sehen ist. „Sieh dir ihre Augen an. Wie hoffnungsvoll sie strahlen. Als ich das Bild das erste Mal so groß gesehen habe, habe ich mich unwillkürlich gefragt, was sie damals wohl gedacht hat. Was waren ihre Wünsche, ihre Träume und wie viel ist davon übrig geblieben nach einem Krieg, in dem sie alleine zwei Kinder groß gezogen hat?“ „Vermisst du sie sehr?“. Er überlegt einen Augenblick. „Nein, ich habe sie sehr geliebt, aber sie ist jetzt schon fast zwanzig Jahre tot. Die Trauer ist gegangen, die Erinnerungen und Geschichten sind geblieben. Vielleicht sollte ich aufschreiben, was ich von ihr weiß. Sonst ist sie irgendwann nur noch ein längst vergangenes Mädchen auf einem Foto – nett anzusehen, aber ohne Geschichte.“

Der Text ist im E-Book “1000 Tode schreiben” – ein Projekt des Frohmann Verlag, Berlin – erschienen und kann hier bestellt werden.

ISBN ePub: 978-3-944195-55-1 /ISBN mobil: 978-3-944195-56-8

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.

An dieser Stellen möchte ich auch mal Christiane Frohmann danken. Nicht nur weil sie dieses Projekt ins Leben gerufen hat, sondern auch für die Arbeit, die sie im Hintergrund leistet.  Alleine die viele Texte zu lektorieren, ist eine Menge Arbeit.

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